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Zurückhaltende Technologien – ein Paradoxon?
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Zurückhaltende Technologien – ein Paradoxon?

»Es muss eine Art von Zurückgezogenheit geben, die alles Vorlaute, alles zu Schnelle hinterfragt.« – Sybille Lewitscharoff
Auf den ersten Blick ist es geradezu kurios, dass eine der wichtigsten herannahenden Trendwellen im Ozean der Digitalisierung mit dem Begriff »Shy Tech« belegt wurde. Schüchternheit gilt in westlichen Kulturkreisen als fragwürdige Tugend, die in einem Zeitalter der Selbstdarstellung mehr und mehr Unmut hervorruft und für die meisten von uns kaum mit dem sonst so streitbaren Begriff der »Technologie« zu einen ist. Doch Schüchternheit spielt in unserer Gesellschaft womöglich insofern eine wichtige Rolle, als dass man behaupten könnte, die meisten Künste und alle Dinge, die unser Leben verschönern, finden eine oder mehrere Keimzellen ebenda, in der Schüchternheit. Denken wir nur an den Autor, der sich in die Rückzugsposition begibt, um über unsere Zeit zu schreiben, den Musiker, der im geschützten Raum den Zeitgeist in Töne umwandelt oder den Maler, der im stillen Atelier mit dem Pinsel seine Auffassung der Welt unterstreicht. Dem fügt das Zeitalter der digitalen Transformation nun einen neuen bel esprit hinzu: die Technologie selbst, die mit bisher ungekannter Schüchternheit ihre vorlaute, ihre zu schnelle Vergangenheit in Frage stellt und den Weg bereitet für eine digitale Revolution, deren Sensations-Effekt über den klassischen Schüchternheitsbegriff hinaus explodieren wird.

»Shy Tech« nämlich stellt unser Verständnis von Technologie einmal mehr auf den Kopf – und rückt vielleicht auch unser Bild der Schüchternheit zurecht. So werden wir es in naher Zukunft schon ganz mit den Worten Wilhelm Genazinos halten können, der sagte: »Die Schüchternheit hat mir das Leben erleichtert.« Denn die neue, technologische Timidität wird unsere alltägliche Nutzung von Devices, dem WWW und funktionaler Gerätschaften tatsächlich so vehement verändern, dass vor allem ein Effekt überwiegt: der, eines von und durch die Technik exonerierten Lebens.


Shy Tech – die menschlichere Zukunft?

An die Allgegenwart von Technologie hat sich der Mensch im Jahre 2018 bereits gewöhnt. Doch heute verbinden wir mit ihr vor allem die aktive und hauptsächlich manuelle Nutzung physischer Geräte. Kein Wunder: die erste Lektion, die der Mensch zu Anbeginn der technologisierten Zeit zu lernen hatte, war jene, sich mit kleinen bis großen Gehäusen auseinanderzusetzen, die, mit einschüchternder Elektronik ausgestattet, in unsere Heime und Büros einzogen. In arrivierteren Mittelschichts-Haushalten gab es »Computerzimmer« – und die dienten nicht allein dazu, sich mit der Maschine zusammen zurück zu ziehen und sich Ruhe für die mitunter komplexe Nutzung der Geräte zu gönnen, nein, Anfangs war für die ausladenden Maße so mancher PC-Ausrüstung tatsächlich ein ganzer, eigener Raum nötig. Das Aufkommen von »Shy Tech« wird dafür sorgen, dass wir diese Zeiten mit einem Lachen der Vergangenheit überlassen. Doch dazu müssen wir uns auf die nächste, noch weitreichendere Lektion einlassen und die Herausforderung annehmen, unser  Tech-Verständnis gänzlich neu zu instituieren.

Was aber ist nun »Shy Tech« – ein Device, das sich unter dem Tisch versteckt wie ein domestiziertes Wildtier? Die Idee der »gezähmten« Technologie ist jedoch gar nicht so abwegig. Denn »Shy Tech«, das bedeutet vor allem: Technik, die sich zurückhält, die nicht mehr unseren Blick von der Welt und aus unserem Leben hinein in eine digitale Parallelgesellschaft lenkt, sondern unterstützend im Hintergrund agiert. Als Herzstück der 4. industriellen Revolution reicht »Shy Tech« dem Menschen die Hand und lässt ihn den Ton angeben, beeinflusst sein Leben ausschließlich fördernd und nutzt dabei Ressourcen, die bislang nahezu unberührt blieben. So können die Technologien dieses neuen Megatrends womöglich dafür sorgen, dass sich die Grenzen zwischen Mensch auf der einen und der digitalen Welt auf der anderen Seite endlich auflösen und in der Verschmelzung von Intellekt und Möglichkeit eine neue, bessere, und vielleicht sogar durch und durch menschlichere Zukunft kreieren.

Ungekannte Möglichkeiten, Entwicklungen und Innovationen.

»Shy Tech« stellt die Art und Weise, in der Mensch und Maschine künftig miteinander agieren, vor exhaustive Veränderungen. Vor allem das »wie« in der Nutzung von Technologie ändert sich grundlegend. Bisher waren es vor allem unsere Hände, die uns die Technik »greifen« ließen. »Shy Tech« entlastet unsere tastaturgeplagten Finger und addiert zu manuellen Bedienmöglichkeiten eine ganze Palette an neuen Zugängen. Allen voran wird die menschliche Stimme zu einem wichtigen Werkzeug. In der wörtlichen Kommunikation zwischen Mensch und Maschine geben Chat- und Sprachbots den Ton an. Auf Zuruf erhalten wir schon heute Informationen zu mannigfaltigen Themenbereichen von Devices wie zum Beispiel Amazons Echo und seiner Alexa. Künftig werden diese Technologien sogar noch bessere Fähigkeiten aufweisen und uns im Alltag so intensiv begleiten, dass für manche Vorgänge die Bedienung einer Tastatur vollkommen obsolet wird. Doch das gesamte Potenzial von »Shy Tech« zeigt sich in noch viel innovativeren Entwicklungen:

Natural User Interfaces.

Intuitive Bediensysteme haben wir bereits in Form der heute omnipräsenten Touch Screens kennengelernt. Auch die eigenständige Anpassung der Licht- und Darstellungsverhältnisse auf dem Display bei Bewegung des Geräts gehört zu dieser Entwicklungsstufe. Eine Errungenschaft, die nicht nur Sci-Fi-Fans begeistert, ist dabei Microsofts Tischcomputer »PixelSense«, der ohne Tastaturbedienung auskommt. Optische Systeme werden künftig an Bedeutung gewinnen. Was heute als Spaß- und Spielfunktion verbreitet ist, etwa durch Microsofts »Kinect« oder Nintendos »Wii«, wird sich auch in der Bedienweise von Arbeitsgeräten und – Computern manifestieren: mit einem Augenzwinkern oder bestimmten Gesten kann der Mensch der Maschine in Sekundenschnelle Befehle zukommen lassen.

Wireless Transmission.

Die komfortable Nutzung von Geräten wird durch eine Technologieinnovation ergänzt, die für viele von uns bislang unvorstellbar war: dank »Wireless Transmission« wird übertragbar, was bisher nur durch Kabel möglich war. Angefangen bei Dateien und Bildschirminhalten bis hin zu Strom selbst. Was spontan undenkbar erscheint, wird durch die Erzeugung elektromagnetischer Felder längst bei tragbaren Ladematten für Smartphone und Co. umgesetzt. Künftig maximieren sich hier die Maßstäbe und Nutzungsmöglichkeiten in beachtlichem Maßstab. Wegbereiter dieser kabellosen Zukunft kennen wir jedoch schon so gut wie unsere Familie: sie heißen Bluetooth, WLAN, RFID und NFC.

Seamless Usability.

Von seinen Anfängen an waren das Netz und die mit ihm einhergehenden Technologien getragen von dem Versprechen von mehr Flexibilität. Doch erst die aufkommende Entwicklung der »Seamless Usability« macht das WWW und seine Inhalte, aber auch Arbeitsprozesse und virtuelle Kommunikation endlich wahrhaft flexibel. Mit dieser Technologie, in der die Vernetztheit einzelner Geräte miteinander im Vordergrund steht, können wir während einer geöffneten Anwendung das Device wechseln oder Zweit- bzw. Drittanwendungen zuschalten. Und zwar ganz ohne umzuschalten, auszuschalten oder die laufende Aktion zu beenden. Nahtlose Nutzung erzeugt Mobilität und die wird in einer voll vernetzten Zukunft noch wichtiger.

Smart Home.

Da die Welle der »Shy Tech« und ihre Innovationen uns endlich die Mobilität leben lassen, nach der wir uns sehen, wird das Unterwegs-Sein künftig zum natürlichen Zustand. Während wir um die Welt reisen, im Ausland arbeiten oder einfach unsere Geschäfts- und Privattermine besser koordinieren, steuert das Smart Home eigenständig alle Vorgänge im und rund um das Zuhause. Heizung, Beschattung, Sicherheitsanlagen, die Rasenbewässerung oder Füllstände der Grundzutaten im Kühlschrank bedienen und überwachen wir aber auch spielerisch vom Smartphone aus. So sind wir immer und überall »zuhause«.

Smart Integrated Objects.

RFID und bestimmte Objektverknüpfungen mit Blockchain-Systemen gehen bereits in die Richtung, die uns mit »Smart Integrated Objects« (oder: »Smart Object Interconnection«) bald rundum vertraut sein wird. Geräte, Gegenstände und User kommunizieren miteinander über Systeme, die in die alltäglichsten Gegenstände integriert werden und Daten empfangen bzw. senden. Zur Überprüfung von Lieferketten ist diese Technologie an Eingangspforten oder Grenzübergängen heute bereits beliebt. Künftig können wir mit ihr unterwegs schließlich alles zur Benutzeroberfläche machen: Spiegel, Zeitungen, Wände – Smart Integrated Objects lassen uns an den unterschiedlichsten Orten arbeiten, Nachrichten lesen oder Essen bestellen.

Advanced Materials.

Ein System, das uns begleitet – dieser Komfort ist für uns bereits mit dem Smartphone unverzichtbar geworden. »Advanced Materials« lösen die Nutzung von Technologie schließlich in völlige Tragbarkeit auf: in die Kleidung integrierte Belüftungssysteme, Insektenschutz oder Wärmequellen verändern unser Verständnis von Mode und geben dem Begriff »Funktionskleidung« ein zukunftsfähiges Makeover. So manche Faser ist dabei so ausgerüstet, dass man selbst bei monsunartigen Regenfällen trockenen Hemdes durch den Tag kommt. Doch damit erhalten nicht nur Verbraucher ein Wohlfühl-Update, auch in Outdoor-Berufszweigen und bei Facharbeiten unter Witterungseinfluss werden diese Technologien sich durchsetzen und das Arbeitsleben vereinfachen.

Implantate.

Eine Neuerung, vor der wir Menschen wohl am meisten zurückschrecken, ist die Erfindung webfähiger Implantate. Dabei ist die Sache mehr als nur eine Überlegung wert: Mikrochips in Finger, Arm oder Kopf gewähren uns mit dieser Technologie Zutritt zu Wohnung, Fahrzeug oder Arbeitsplatz und sorgen dafür, dass wir unsere Geräte on- und offline sogar mit unseren Gedanken steuern können, geistiges »diktieren« von E-Mails und Nachrichten inklusive. Bargeld- und Kontaktloses Bezahlen wird auf diese Weise von einigen Usern in den USA bereits genutzt. Kein Wunder, dank der Implantate sind die wichtigsten »Tools« jederzeit und überall dabei – der Kopf und die Hände bleiben frei für die wichtigen Dinge im Leben.

Retail Banken und Kryptowährungen.

Apropos Bezahlen: jetzt geht’s Ihrem Geld an den Kragen. Keine Bange, der Wert bleibt (wie immer je nach Börsen-, Wirtschafts- und Politikeinfluss) erhalten, jedoch wird unser Umgang mit dem Geld durch digitale Währungen wie Bitcoin, Etherum, Ripple und Co. revolutioniert. Smart und shy ist dabei, dass Unternehmen, die unseren Lifestyle massiv mitgestalten, die Funktion der Bank übernehmen können, sodass bargeldloses Bezahlen, ob mit oder ohne Kryptowährung, noch schneller und nahtloser von statten geht. Den Überblick müssen sie dabei natürlich selbst behalten, aber den Komfort und die Zeitersparnis dabei sollte man sich auch zu genießen trauen. Wer heute schon testen will, versucht sich an Apple Pay, Samsung Pay oder Android Pay.

Real-Time Translations.

Eine vernetzte Welt hebt auch geografische Grenzen nach und nach auf. Und weil an digitalen Konferenz- und Meetingpoints Menschen aus aller Herren Länder aufeinander treffen, ist eine weitere Entwicklung im Kosmos der »Shy Tech« ein logischer nächster Schritt. »Real-Time Translations« funktionieren über Apps und werden uns via Lautsprecher oder Kopfhörer direkt zugeschaltet. Während wir mit dem Geschäftspartner in Frankreich und dem Kunden in China über Skype oder FaceTime konferieren, werden alle gesprochenen Sprachen des Gegenübers durch Spracherkennung direkt und schnell übersetzt. Sprachbarriere adieu, heißt es da sicherlich auch bald auf dem Markt der Dating-Applikationen.

Delivery 4.0.

Den Komfort, den uns die neuen Technologien bieten, als förderlich für die menschliche Neigung zur Faulheit zu benennen, wäre nur allzu schwarzmalerisch. Denn sind wir doch mal ehrlich: liefern lassen macht Freude. Künftig werden nicht nur Pizzaboten und Paketfahrer bei uns klingeln, in den USA wird z.B. bereits über »Uber Rush« von Usern an User geliefert. Da wir über Apps und online Lebensmittel und andere Konsumgüter direkt vorbestellen und bezahlen können (mitunter sogar nur durch das Absenden bestimmter Emojis), lassen wir das Ganze dann auch komfortabel von jenen abholen, die gerade Zeit und Kapazitäten haben. So kaufen wir selbst am stressigsten Freitag ganz mühelos und vollständig für das Wochenende mit der Großfamilie ein.

Hand in Hand: Mensch und Maschine.

»Shy Tech« mutet an wie die Zusammenfassung der Erfindungen eines Sci-Fi-Literaten? Nun, genau hier liegt die erste Aufgabe, die das Aufkommen der neuen, von der Starrheit der Gehäuse losgelösten Technologie an uns stellt: das Umdenken. Denn so anthropomorph die Eigenschaften auch sind, die wir unseren Lieblingsgeräten mitunter andichten, wir wahren stur die Distanz, ersinnen das »Monstrum Maschine« als etwas, das im Zaum gehalten werden muss. Dabei ist und bleibt »Shy Tech« bei all seiner herausfordernden Umstrukturierung unseres digitalen Alltags vor allem eines: die Quintessenz menschlicher Vorstellungskraft. Denn so fiktional einige der nahenden Technologien auch wirken: sie sind manifestierte Ideenvielfalt, gelebte Zukunft, sie haben bereits jetzt die Grenzen der Möglichkeiten überschritten und reichen uns nun schließlich die Hand, um gemeinsam in eine bessere, von der Technologie getragene, aber von uns selbst geschaffene Zukunft zu gehen. »Schüchternheit ist ein gutes Medium«, resümiert Genazino – in Sachen Technologie-Vertrauen dürfen wir die Furchtsamkeit aber getrost über Bord werfen.

Verfasst von Timo Heß.

Nicht so schüchtern: sind Sie zukunftsmutig?

Zögerlichkeit gehört zu den Dingen, die Sie im Angesicht der digitalen Transformation bereits hinter sich gebracht haben? Dann kümmern Sie sich am besten noch heute um eine digitale Strategie und legen Sie mit dem perfekten Change Management den Grundstein, um »Shy Tech« und Co. perfekt vorbereitet entgegen zu sehen.

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