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Yippee-yaya-yipee-yipee-yeah, es gibt immer was zu tun?
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Der Mensch im permanenten Beta-Stadium.

Irgendwas ist immer. Hier ne neue App, da ein neues Gadget, ständig postet irgendjemand irgendetwas. Überall lauern neue Chancen, neue Möglichkeiten. Ja, so ist das im digitalen Informationszeitalter. Always on, um den Anschluss nicht zu verpassen. Und so hat man nicht selten das Gefühl, irgendwie immer hinterher zu hecheln, sich anpassen, sein Profil optimieren, auf Neuheiten und Neuigkeiten reagieren zu müssen. Niemals Ruhe im Karton. Alles ist im Fluss und der Mensch im permanenten Beta-Stadium. Danke, lieber Cyberspace, für den ganzen Stress. Oder?

Im Februar dieses Jahres gingen auf dem 9. rheingold salon die Marktforscher der Frage nach, inwieweit Algorithmen uns künftig bestimmen werden. Wo bleibt bei einem »Leben im Beta-Stadium« (Schäfer 2018) in dem es immer noch etwas zu verbessern, verändern, optimieren gibt, ohne je mit irgendetwas fertig werden zu können, der Mensch? Wo und wie verorten wir uns, wenn die großen Orientierungssysteme Arbeit, Familie, Gesellschaft keine verbindliche Orientierung mehr bieten? Wenn, wie Richard David Precht konstatiert, die Jungs und Mädels in Silicon Valley, Konzerne wie Google, Amazon & Co. klammheimlich an unserem humanistischen Menschenbild rumfummeln? Indem sie alle und alles dem Problem-Lösungs-Schema der Kybernetik unterwerfen, um uns zu berechnen und damit zu steuerbaren Reaktoren machen?

Ersetzt ein kybernetisches bald unser humanistisches Menschenbild?

»Das Silicon Valley folgt dem Menschenbild der Kybernetik. Es sieht den Menschen als einen lernenden Organismus, der als Reflexmechanismus funktioniert, nicht anders als eine Ratte im Labor. Und auf genau die gleiche Weise arbeiten die Leute, die die Algorithmen bei Facebook programmieren. Wenn ich weiß, was dich interessiert, dann werde ich dir immer das empfehlen, was du magst. Auf diese Weise kann ich dir nicht nur deine Wünsche erfüllen, sondern ich kann deine Wünsche steuern. Und das ist die zentrale Erkenntnis der Kybernetik, dass jedes Ding oder Wesen, das vorhersagbar ist, auch steuerbar ist – und genau die findet sich in den Mechanismen des Silicon Valley.«

»Es geht nicht mehr um Entscheidungen, sondern um Reiz und Reaktion, um Problem und Lösung.« (SPIEGEL 2018) Wenn, wie auf erwähnter rheingold Konferenz festgestellt, junge Leute vermehrt nach Prominenz streben und nicht mehr Busfahrer, Astronaut oder Arzt, sondern Influencer werden wollen, könnte man annehmen, dass Herr Precht mit seiner Reiz-Reaktions-These gar nicht so falsch liegt. Die Kernfrage dahinter: Wie tragfähig ist es, seine Existenz darauf aufzubauen, den Algorithmen zu dienen, derer man sich scheinbar bedient? Anders gesagt: Wenn, zugespitzt formuliert, Gefallen (Erfüllen des Erwarteten) das ausschlaggebende Kriterium ist, um weiterzukommen, wo führt das hin? Zur Entdeckung der Weltformel möglicherweise eher nicht.

Woran soll man sich orientieren, wenn jede Richtung richtig ist?

Fakt ist, dass wir uns zunehmend auf uns selbst verlassen müssen. Stichwort Megatrend Individualisierung. War das Leben in der traditionellen Gesellschaft noch von Kirche, Staat, Familie mehr oder weniger vollständig definiert, so dass es in mehr oder weniger absehbaren Bahnen verlief, obliegt die Definition, wer wir sein und wie wir leben wollen, heute ausschließlich uns selbst. Jedem Einzelnen einzeln. Normen, Konventionen bieten kaum noch Halt. Was nicht zuletzt den social networks in die Karten spielt. Denn bereitwillig nutzen wir ihre Feedback-Räume, um uns zu inszenieren, auszuprobieren, mühelos immer wieder neu zu erfinden, den eigenen »Marktwert« zu checken und nach Möglichkeit zu steigern. Willkommen im Beta-Stadium!

Andererseits: Ist das wirklich ein Phänomen des Digitalzeitalters? Hatte Mensch je das Gefühl, sich gemütlich zurücklehnen zu können, Entwicklung abgeschlossen? Oder wenn, war in dem Fall vielleicht doch eher pragmatische Schicksalsergebenheit angesichts unverbrüchlicher Strukturen der Grund dafür, die Hände in den Schoß zu legen? Die offene Gesellschaft ist schließlich noch nicht ganz so alt. Kurze Denkpause…

Der Mann ohne Eigenschaften ein Mann unserer Zeit?

Interessant wird die Angelegenheit, wenn man einen Gewährsmann aus dem 20. Jahrhundert zu Rate zieht. Der, wie wir heute, auf der Klippe einer Zeitenwende lebt. Ulrich, die Titelfigur Robert Musils epochen- und gesellschaftsumspannenden Romans, ist als »Mann ohne Eigenschaften« gewissermaßen die Blaupause eines Menschen im Beta-Stadium. Eines jemands, der nicht ankommen kann, weil die vertraute Welt aus den Fugen gerät und ihm gerade alles Ziel und Richtung um die Ohren fliegen. So verweigert sich Ulrich, am Vorabend des 1. Weltkriegs den Untergang der bestehenden Ordnung reflektierend, jeglicher Bekenntnisse und Festlegungen, um sich für neue, kommende Optionen und Konstellationen offen zu halten.

Denn wo nichts mehr sicher und verlässlich ist, ist der »Möglichkeitssinn« die einzig sinnhafte Alternative, sich der Wirklichkeit zu bemächtigen, sich zu positionieren: »Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehn; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.« (Musil 1992) Wie sich aufstellen in einem Kontext voller unbekannter Variablen? Nicht so weit entfernt von den heutigen Selbst- und Wirklichkeitskonstruktionen der neuen durchdigitalisierten Welt, nicht?!

Wohin treibt der Mensch im Beta-Stadium?

Digitalisierung, Globalisierung, Individualisierung, Algorithmisierung: alles ist mit allem vernetzt. Ja, wir sind mittendrin in einem fetten Epochen- und Weltenwandel. Und, mit Walter Giller und Grüßen aus dem 20. Jahrhundert: Ja, es bleibt schwierig. Aber Kopf hoch. Betrachtet man mit schöner Regelmäßigkeit die »Früher war alles schlechter« Statistik des SPIEGEL (nicht gerade das Medium überbordenden Optimismus), entwickeln sich die Dinge überraschend oft überraschend positiv.

Für die Zwischenzeit empfiehlt es sich, eine gewisse Resilienz gegenüber den ubiquitären Optimierungsangeboten und Trends auszubilden. Dabei hilft Selbst-Vertrauen und der gesunde Menschenverstand (übrigens auch bei der Berufswahl), den wir uns von den Zuckerbergs und Bezos dieser Welt nicht abkaufen lassen sollten. Und: Zwischendurch einfach mal abschalten, Handy aus, raus in die Berge, ein Buch lesen und sich im Möglichkeitsdenken üben. Den Job im Digitalen kann man schließlich getrost den suchdialog-Profis überlassen.

Über Alexandra Dankert.

Die Dankert. Hat in einem früheren Leben bis zum Proseminar Hegel Philosophie und bis zum Mag.Phil. Ende Germanistik, Psychoanalyse und Skandinavistik studiert. Abgeschlossen mit einer Arbeit über Thomas Bernhard, woher möglicherweise der Hang zu kenntlichmachender Übertreibung rührt. Dann, nach Stationen am Theater und zähneknirschender Einsicht in die Notwendigkeit eines ordentlichen Broterwerbs, Einstieg in die Werbeagenturwelt. Heute, wie könnte es anders sein, als weltbester freier Texter, Konzeptioner, Autor tätig für verschiedene Agenturen in Hamburg und Rhein-Main-Neckar. Staunt nicht schlecht über suchdialogs Mut zu schrägen Positionen, kritischen Worten und gegen den Strich gebürsteten Erkenntnissen über die digitale Welt. Chapeau!

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