Erkenntnisse | Juni 2017
Wie wir arbeiten werden?
Arbeitswelt
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Wie wir arbeiten werden?

Nach landwirtschaftlicher und industrieller Revolution steht der werktätige Teil der Menschheit erneut vor einem Scheideweg: Wie wird sich das Arbeitsleben im Zeichen der rasant voranschreitenden Digitalisierung gestalten? Wird es das klassische Angestelltenverhältnis in zehn oder zwanzig Jahren noch geben? Was sind die Konsequenzen des neuen Zeitalters für das Selbstverständnis des arbeitenden Menschen?

Sicher ist in dieser Hinsicht nur eines: der Wandel. Wo früher der klassische nine-to-five Arbeitstag in Festanstellung stand, werden sich neue Formen der Arbeit etablieren.

Dezentralisierte Task-Forces und Crowdworking.

In Zukunft werden Aufgaben von multiplen Akteuren gelöst, die theoretisch über die ganze Welt verteilt sein können. Dezentralisierte Task-Forces entstehen situativ und lösen sich nach vollendeter Arbeit wieder auf; die Zahl der Freiberufler, die je nach Bedarf zum Einsatz kommen, wird sich massiv vergrößern – die Projektarbeit wird zum Standard, ebenso wie das Crowdworking, wo eine Vielzahl an Akteuren an Einzelaufgaben arbeitet.

Die klassischen Arbeitsmodelle stoßen dabei zunehmend an ihre Grenzen. Auch hier macht das Silicon Valley wieder einmal vor, was die Zukunft bringen wird: ergebnisorientiertes Arbeiten ohne feste Anwesenheitspflicht und Führung auf Distanz.  

Mehr Individualität im Berufsleben.

Viele Beschäftigte werden mehr Freiheit haben und Entscheidungen selbst treffen. Das hat sowohl Vor- als auch Nachteile: Zum Einen kommt die größere Gestaltungsfreiheit dem zeitgemäßen Individualismus entgegen, in dem die Vereinbarkeit von Beruf und Freizeit ebenso an Gewicht gewinnt, wie Selbstverwirklichung und Sinnhaftigkeit der Arbeit. Gleichzeitig jedoch bedeutet diese Freiheit auch Übertragung von Verantwortung von der Führungsebene auf den Arbeitnehmer.

Lebenslanges Lernen wird im Zeitalter des Wissens ebenso zur Selbstverständlichkeit wie häufige Jobwechsel und das Verschwimmen der Grenze zwischen Arbeit und Freizeit. Das Buzzword “Ich-AG” ist zwar nicht neu, aber aktueller denn je: Je poröser klassische, auf Dauer angelegte Angestelltenverhältnisse werden, desto mehr findet sich der Arbeitnehmer in der Rolle des Selbstvermarkters wieder.

Risiko mit nach Hause nehmen.

Und die liegt nicht jedem: Der Freiheit zur Selbstverwirklichung steht hier eine steigende Anzahl stressbedingter Erkrankungen wie z.B. Burn-Out entgegen – in Deutschland leidet bereits jeder dritte Arbeitnehmer unter berufsbedingtem Stress.

Das hat auch damit zu tun, dass unternehmerische Risiken immer mehr auf die Arbeitnehmer verlagert werden, die eine Zielvorgabe bekommen, jedoch keine Erklärung, wie sie dahin gelangen sollen. Wo das Scheitern eines Projektes früher auf mehreren Schultern lag, nimmt der moderne Angestellte dieses Risiko jetzt mit nach Hause. Der Berliner Philosoph Byung-Chul Han sieht diese Entwicklung in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung pessimistisch:

“Der Neoliberalismus formt aus dem unterdrückten Arbeiter einen freien Unternehmer, einen Unternehmer seiner selbst. Jeder ist heute ein selbstausbeutender Arbeiter seines eigenen Unternehmens. […] Auch der Klassenkampf verwandelt sich in einen inneren Kampf mit sich selbst. Wer heute scheitert, beschuldigt sich selbst und schämt sich. Man problematisiert sich selbst statt der Gesellschaft.”

Ironischerweise vollendet sich der Kapitalismus also in dem Moment, in dem er den Kommunismus unter dem Label “Share Economy” zur Kommodität macht.

Verschwimmende Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit.

Ob man nun der negativen Sichtweise des Berufsdenkers folgt, oder die Vorteile eines selbstbestimmten, von öder Routine befreiten Lebens betont: Die Arbeit der Zukunft ruft zu Eigenverantwortlichkeit, zu Selbstdisziplinierung und -begrenzung auf. Wir werden festlegen, wann Feierabend ist, die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit werden verschwimmen – auch in dem positiven Sinne, dass wir immer mehr auswählen können, was wir wirklich machen wollen.

Vernetzte und netzaffine, flexible Selbstvermarkter werden zu den Gewinnern gehören; Individualisten finden sich mehr denn je in einer Situation wieder, die sie eigenständig gestalten können – wenn sie bereit sind, den Preis dafür zu bezahlen: Für immer Lernende zu bleiben und auf die Vorteile einer lebenslangen Festanstellung im gemütlichen Rhythmus des herkömmlichen 8-Stunden-Tages zu verzichten.

Verfasst von Jochen Weiland.

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