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Sprachverarmung oder Konzentration aufs Wesentliche?
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Handynacken und Kurzsichtigkeit.

Handynacken und Kurzsichtigkeit sind die allgemein bekannten Folgeerscheinungen maßloser Smartphone-Nutzung. Es gibt aber auch noch andere Veränderungen, die ein digitalisierter Alltag mit sich bringt: Die Kommunikationsfähigkeit verändert sich. In der digitalen Welt werden wir fast nur noch mit Fast Food-Informationshäppchen abgespeist. Das hat Auswirkungen auf unsere Informationsaufnahme und -verarbeitung.

Sprachverarmung oder Konzentration aufs Wesentliche?

Packt man beispielsweise mehr als ein bis zwei Informationen in eine E-Mail, sind viele Leute mit einer Antwort bereits überfordert. Wenn früher jemand eine »A-Mail«, einen analogen Brief, geschrieben hat, dann wurden damit meistens reichlich Informationen transportiert. Das war ganz normal, während heute kleine Informationshäppchen mit WhatsApp hin und her geschickt werden. Angeblich sind es weltweit alleine 55 Milliarden versendete WhatsApp-Nachrichten am Tag – von jedem Nutzer im Schnitt 55 Stück. Tendenz stark steigend. Das bedeutet: Man wird 55 Mal am Tag bei irgendetwas unterbrochen. Und dann gibt es ja auch noch jede Menge anderer Ablenkungen wie Tweets und Facebook-Posts zum Beispiel. Arbeit und Gedankengänge werden unterbrochen. Viele Menschen sind es wahrscheinlich schon gar nicht mehr gewohnt, einen Gedanken zu Ende zu denken. Insbesondere die »Digital Natives« verfügen – mag man neuesten Studien Glauben schenken – »nicht nur über eine geringere Frustrationstoleranz, sondern auch über eine geringere Aufmerksamkeitsspanne.« Das sagt Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, einer der führenden deutschen Neurowissenschaftler (Buchtipp: »Digitale Demenz«).

BEDEUTEN KURZTEXTE AUCH EINE VERKÜRZUNG DES DENKENS?

Man kann in einer WhatsApp keinen Gedanken wirklich ausführen. Kommunikation wird nicht nur komprimierter, sie wird notgedrungen oberflächlicher. Da helfen auch 55 geballte Kurznachrichten nichts. Und das betrifft nicht nur die Kommunikation von Jugendlichen, die sich mal eben zum Chillen daten oder sich mal kurz dissen. Das betrifft auch alte Menschen, deren Kommunikation oft größere Kreise zieht, weil sie an Schlüsselpositionen in der Gesellschaft sitzen. Das beste Beispiel ist der amerikanische Präsident. Kann man mit 140 oder auch 280 Zeichen über Twitter Politik machen? Reicht ein Tweet aus, um mit anderen Staaten zu kommunizieren und die Weltpolitik zu lenken?

WIE KOMPRIMIERTE INFORMATION ZUM RAUMFÜLLENDEN NONSENS WIRD.

Ein weiterer Faktor: Die digitale Kommunikation nimmt naturgemäß immer größeren Raum ein. Die physische Präsenz ist aber in der digitalen Kommunikation in den Hintergrund gedrängt. Während man beim Telefonieren wenigstens noch teilweise Kontakt mit einem Menschen hat, ist das bei Textnachrichten nicht mehr der Fall. Dieser Faktor wird komplett unterschätzt. Der rein digitalen Kommunikation mangelt es an Vertrauenswürdigkeit und Einschätzbarkeit. Wir alle haben schon mal die Erfahrung gemacht, dass Kommunikation per E-Mail zu Missverständnissen führt. Woran liegt das? Das kommt vor allem daher, dass Sprache zunehmend als reiner Informationsträger betrachtet wird. Die Individualität der Sprache spielt keine Rolle mehr. Sie wird in gewisser Weise austauschbar. Dabei fällt unter den Tisch, dass nicht nur das »Was« der Kommunikation entscheidend ist, also die reine Information, sondern auch das »Wie«. Es kommt tatsächlich darauf an, wie man sich ausdrückt, wie sehr man in die Tiefe geht. Denn jeder interpretiert Kommunikation – wenn auch oft unbewusst. Man misst ihr eine Bedeutung auf der Metaebene zu. Was steht denn zwischen den Zeilen? Das herauszulesen, wird schwierig, wenn ein Satz hauptsächlich aus abstrusen Abkürzungen, Emojis und Tippfehlern besteht.

Die Sprache verrät einen Menschen, heißt es. Sprache überträgt nicht nur pure Information, sie übermittelt auch »Metainformationen«: Sie ist Ausdruck von Individualität, Emotion und Kreativität – das, was den Menschen zu einem wichtigen Teil ausmacht. Täte sie das nicht, wäre uns die KI, die künstliche Intelligenz, sowieso schon weit überlegen. Bedeutet dann eine Verkürzung der Sprache durch die Digitalisierung, dass die Sprache verarmt und damit auch der innere Reichtum der Sprachverwender versiegt? Oder ist die Veränderung unserer Sprachgewohnheiten, die in digitalen Medien feststellbar ist, nur zweckorientiert. Spiegelt die »Verkürzung«, die »Verarmung« unserer Sprache nur das Bedürfnis nach schneller Information über digitale Medien. Und erhalten wir damit konzentrierte Informationen – kompakt, schnell, stark?

FASTFOOD-TEXTE – NAHRHAFT ODER UNGENIEßBAR?

Ich selbst freue mich immer, wenn ich eine E-Mail oder Kurznachricht bekomme, die lesbar ist und dann auch noch halbwegs fehlerfrei. Aber das kommt selten vor. Normalität sind eher Textnachrichten, die vor Ungenauigkeiten und Fehlern nur so strotzen. Für den Verfasser hat das natürlich den Vorteil, dass Tippfehler von Rechtschreibfehlern und Grammatikfehlern nicht mehr zu unterscheiden sind. Aber er signalisiert damit auch eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber dem Empfänger: »Es ist mir egal, wenn du, der Empfänger, einen ungenießbaren Fastfood-Text von mir bekommst, der einfach nur schlecht ist. Friss oder stirb!« Das ist die unausgesprochene Botschaft dabei, eine Art nonverbale Kommunikation. Kleines Beispiel: Die Grußformel »MfG« unter einer geschäftlichen E-Mail beinhaltet auf der Metaebene die Botschaft »Sie mich auch!« Der Respekt dem Empfänger gegenüber geht einfach verloren, auch wenn der Absender in Wirklichkeit gar nicht so denkt, sondern es ihm nur auf schnellstmögliche Informationsübertragung ankommt. Da spielt es doch keine Rolle, wie viele Abkürzungen und Tippfehler meine SMS, E-Mail oder WhatsApp enthält, oder? Schließlich muss ich Hunderte von E-Mails jeden Tag verfassen. Hauptsache, mein Gegenüber erhält schnell die Information, auf die es mir ankommt! So ist es aber leider in der Regel nicht. Vielen mag es egal sein, wenn sie eine Fastfood-Textnachricht lesen müssen – für einige andere ist es eine Zumutung. Abgesehen von der äußeren Form einer Textbotschaft kann sogar das Medium selbst zur Respektlosigkeit werden, sobald es um wichtigere Dinge geht als um das übliche weiße Rauschen im Job. Ein krasses Beispiel für Respektlosigkeit ist die Aufkündigung einer Beziehung per digitaler Kurznachricht. Oder die Kündigung eines Jobs per WhatsApp. Bravo, Bushido!

MEHR KOMMUNIKATION – WENIGER INFORMATION.

Ein Aspekt in der Veränderung unseres Kommunikationsverhaltens durch die Digitalisierung ist besonders eklatant: Heute kann sich jeder äußern und das unmittelbar. Zunächst ist das ja positiv. Mehr Kommunikationsmöglichkeiten für alle. Aber dadurch, dass jeder schreiben kann (auch wenn er es nicht kann), wird alles austauschbarer und verliert an Bedeutung. Sprache ist nur Mittel zum Zweck, etwas in die Öffentlichkeit zu tragen, und sei es der größte Mumpitz. Wenn aber der Inhalt schon nicht bedeutsam ist, dann muss auch die Form nicht korrekt sein. Dann ist es egal, ob man Mompiz schreibt oder Muhmpit oder Mummpiss, es bleibt so oder so Mumpitz. Wenn Kommunikationskanäle so leicht wie heute für jedermann nutzbar und öffentliche Plattformen jederzeit verfügbar sind, dann verliert der User selbst ein bisschen seinen Respekt davor.

Es soll Zeiten gegeben haben, da hat Vati einen Leserbrief verfasst und den erstmal von seiner Mutti gegenlesen lassen, bevor er ihn persönlich zum Düttweiler Stadtboten brachte. Auch deshalb, weil man sich nicht die Blöße geben wollte, man könne keinen geraden Satz schreiben. Das ist heute unvorstellbar, wo jeder sofort und ohne das Gehirn einzuschalten (Wo war denn der Schalter nochmal?), seinen Mumpitz in die Welt blasen kann – heute auf digitalen Plattformen. Man gibt bei Google etwas ein, egal was, schon landet man auf einem Forum zu diesem Thema. Man liest die ersten Statements von »HeinrichDerNeunte« oder »Spaßterminator« oder »LupusUlcus68« und denkt: »Hoppla, hab ich was verpasst – was für eine Sprache ist das?« Von den Fehlern ganz abgesehen. Ich glaube, fehlerfreie Statements von Privatpersonen sind heute im Netz vom Aussterben bedroht. Zumindest habe ich lange keins mehr entdeckt. Aber vor allem: Durch die schnelle und anonyme Möglichkeit der Meinungsäußerung sinkt die Hemmschwelle, sich als absolutes U-Boot zu outen. Sowohl inhaltlich als auch sprachlich. Wie sonst ist es zu erklären, dass jemand in seiner freien Meinungsäußerung nicht einmal den Schlüsselbegriff richtig schreibt. Digitale Kommunikation scheint ins Bodenlose abzusinken. Ist sie nur noch Mittel zum Zweck? Auf jeden Fall bedeutet sie eine Abkürzung. Nicht nur des Tippens – vielleicht auch des Denkens.

SPRACHVERARMUNG ODER KONZENTRIERTE BOTSCHAFTEN.

Es wird abgekürzt, was das Zeug hält – naturgemäß am meisten bei der Nutzung des Smartphones. Denn natürlich kann man mit zwei Daumen nicht fehlerfrei tippen. Auf einer echten, nicht virtuellen Schreibmaschinentastatur – ganz früher, im Paläozän des Schreibens, benutzte man eine »Schreibmaschine« zum Tippen von Texten – auf einer solchen echten Tastatur dürfen die Daumen gar keine Buchstaben tippen, sondern nur die Leertaste. Auf einem Smartphone ist das hingegen ganz anders. Hier haben ausschließlich die Daumen die Federführung. Man versucht, winzige Buchstabenfelder mit zwei zum Tippen völlig überdimensionierten Daumen zu treffen, in der Hoffnung, dass man wenigstens ab und zu den richtigen Buchstaben trifft und so ein halbwegs lesbarer Satz herauskommt. Kein Wunder, dass Abkürzungen und Emojis die einzige Möglichkeit sind, um zu vertuschen, dass es unmöglich ist, einen einigermaßen fehlerfreien Satz zu tippen. Gäbe es die automatische Korrekturfunktion im Textprogramm des Smartphones nicht, dann wären wohl fast alle Textnachrichten unlesbar. Vermutungen über das Gemeinte wären der Standard, Missverständnisse vorprogrammiert. Aber vielleicht reicht den meisten Empfängern von Textnachrichten das aus. Na ja, man kann ja auf die Diktierfunktion zurückgreifen, wenn einem Tippfehler peinlich sind und man noch einen letzten Rest Schamgefühl verspürt und kein WhatsApp-Gestammel versenden will.

IST DIGITALE KOMMUNIKATION NUR FASTFOOD, ABER KEINE GOURMET-SPEISE?

Alles wird kürzer, alles geht schneller – niemand will lange Texte lesen. Fast Food statt Slow Food auch bei Geschriebenem. Man kann Kommunikation auch mit Essen vergleichen: Wir verleiben uns Informationen ein. Sind SMS, E-Mails, Tweets und Forenbeiträge dann minderwertige Nahrung fürs Gehirn? Schmecken uns denn diese ausgemergelten Stottertexte und sind sie noch gehaltvoll genug? Form und Inhalt gehen den Bach runter, so hat man den Eindruck. Aber ist das so? In meinem Germanistikstudium gab es ellenlange komplizierte Sekundärliteratur zu lesen. Über einen Satz von Kafka wurden seitenweise kluge Interpretationen ausgegossen. Größtenteils so klug, dass man sie nicht mehr verstehen konnte. Ist da nicht ein kurzes Twitter-Statement viel näher an der Wirklichkeit? Viel komprimierter, viel informativer, viel effektiver – und damit genau das Gegenteil von Sprachverarmung?

Es kommt wohl einfach darauf an, was man zu sagen hat. Was steckt hinter dem Text – mag er kurz oder lang sein – was ist die Idee? Und hat man denn überhaupt etwas zu sagen? Am Ende behält Ludwig Wittgenstein recht: »Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.« In gewisser Weise litt also selbst Wittgenstein unter Sprachverarmung. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass zwischen der Wittgenstein’schen Sprachreduktion und einem What’sApp-Gestammel Welten liegen.

SNACK-IT-TEXTE –
UNSERE MODERNE KOMMUNIKATIONSWEISE.

Natürlich entspringt die grundsätzliche Tendenz zu kurzen, leicht verdaulichen Snack-it-Sätzen in digitalen Medien dem Bedürfnis nach Vereinfachung und Verschlankung – wiewohl offensichtlich ist, dass ein Satz mit lauter Abkürzungen nicht einfacher zu lesen ist. Es passiert jedoch das genaue Gegenteil: unser Sprachvermögen »verfettet«, es wird träge. Wenn wir ständig einer Fastfood-Sprache ausgesetzt sind, gewöhnen wir uns daran: Subjekt, Prädikat, Objekt. Mehr ist nicht drin. Sätze mit mehr als 5 Wörtern gelten schon als Schachtelsätze und grenzen für den Leser an eine unlösbare Textaufgabe. Ein eingeschobener Nebensatz gar mag vielen schon als unentschlüsselbare Gen-Sequenz vorkommen.

Erwiesenermaßen sinken seit Jahren die sprachlichen Ausdrucksfähigkeiten von Berufsanfängern ins Bodenlose. Das hängt sicher auch mit den sprachlichen Gewohnheiten, wie sie in sozialen Medien passieren, zusammen. Dort gibt es keine Schachtelsätze. Die Leute starren nicht beim Laufen auf ihr Smartphone, weil sie dort einen fabelhaften Schachtelsatz von Thomas Mann entdeckt haben. Mit Sicherheit nicht. Wir wollen sehen statt lesen. Unser Informationshunger soll durch visuelle Reize gestillt werden, nicht durch Text. Wahrscheinlich ist ein Kindle auch deshalb so begehrt, weil er so schön schlank ist. Man sieht ihm die 1292 Seiten von »Herr der Ringe« gar nicht an. Der Wolf im Schafspelz.

So mancher Leser wird sich bestimmt auch bei diesem Artikel lieber ein paar Bilder wünschen statt eines Diskurses über digitale Sprachverunglimpfungen. Ein paar Bilder von süßen Katzenbabys vielleicht. Die kitzeln die rechte Gehirnhälfte, die für Emotionen zuständig ist, während eine reine Textwüste die linke Gehirnhälfte anstachelt, die zum analytischen Denken gebraucht wird. Wir gieren nach Futter für unser rechtes Gehirn. Das linke Gehirn – da liegt übrigens auch das Sprachzentrum – kann gerne abmagern. Der Spaßfaktor ist rechts einfach höher als links. Wenn wir die Wahl haben, entscheiden wir uns immer für ein Urlaubsfoto und nicht für einen Satz von Arno Schmidt. Oder warum bekommt ein Foto von einem dreistöckigen Hamburger naturgemäß tausendmal mehr Likes als jeder noch so geschmackvolle Aphorismus? Fastfood schlägt Slowfood – auch in der digitalen Kommunikation.
Fazit, um es kurz zu machen: Am EOB liefern IMHO Snack-it-Texte 0 Info, sie nerven nur. ROFL.

WAS BEDEUTET DAS FÜR DIE DIGITALE KUNDENKOMMUNIKATION?

Wie sprechen Sie Ihre Zielgruppe über digitale Medien an? Nutzen Sie die richtigen Kanäle und zielgruppengerechte Botschaften? Mit unserer Expertise im Digital Marketing entwickeln Sie die richtigen Strategien gegen Sprachverarmung und schöpfen das volle Potential in der digitalen Kommunikationsvielfalt gezielt aus. suchdialog unterstützt Sie mit Marketingstrategien, die Ihrer Zielgruppe schmecken: Statt Fastfood Marketing setzen Sie auf reichhaltiges Content Marketing mit Langzeitwirkung.

ÜBER RAINER RUPP.

Rainer Rupp studierte Germanistik und Philosophie, bevor er 1995 in den Sog der Werbebranche geriet. Nach Lehr- und Wanderjahren in großen Agenturen ist er seit 2003 freier Texter in Heidelberg. Neben dem Erstellen von Dienstleistungstexten – seinem Brotberuf – begeistert sich der Autor auch für das Verfassen von literarischen Texten. Denn die digitale Welt kann trotz KI und anderem Schnickschnack auf eines nicht verzichten: auf das Gehirn mit seinem unnachahmlichen Neuronenfeuerwerk. Das sehen wir übrigens nicht anders.

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