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Smart Speaker Sapiens?
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Smart Speaker Sapiens?

Sie kennen bestimmt eine solche Szene: Ein Protagonist kommt in seine dunkle Wohnung, ruft »Licht!« und sofort sind die Räume erleuchtet. Dank des Siegeszugs der Smart Speaker spielt sich das nun täglich millionenfach im echten Leben ab. Nur, dass man sein Zuhause vorher noch mit »Alexa«, »Google« oder »Siri« anreden muss. Aber zahlenmäßig ist das keine Übertreibung. Schätzungen zufolge werden bis Ende 2018 100 Millionen Smart Speaker verkauft sein. Und sie sind auf dem besten Weg, unsere digitalen Assistenten zu werden. Der Lichtschalter ist da bloß der Anfang. Jukebox, Terminkalender, E-Mail-Vorlesefunktion, Heizungssteuerung, Sicherheitszentrale für’s Eigenheim – das sind Funktionen, die die smarten Lautsprecher schon recht gut beherrschen.

Kommen wir zum Geschäft.

Und schon sind auch die Möglichkeiten für die Arbeitswelt im Visier: Mit Alexa for Business bietet sich Amazons Produkt für wiederkehrende Aufgaben wie das Mieten von Räumen, das Vorbereiten von Telefonkonferenzen oder die Terminplanung an. Alles Vorgänge, die sich automatisieren lassen, also auch zahlreiche andere Prozesse starten können wie zum Beispiel das Versenden von Einladungen. Schnittstellen zu Office 365 und anderen Tools sind vorhanden. Amazon meint, auf diesem Wege ließen sich für solche Aufgaben bis zu 10 Minuten Zeit einsparen. Dabei könnte die Ersparnis irgendwann noch deutlich größer ausfallen. Stellen Sie sich vor, im Meeting grätscht Alexa rein: »Herr Lehmann, ob Sie lieber zu Hornbach oder zu Bauhaus gehen, hat nichts mit dem Thema zu tun.«

Hoch gesteckte Ziele.

Aber die Ambitionen sind schon mal hoch: Alexa-Chef Al Lindsay wünscht sich das Niveau des Bordcomputers aus Star Trek. Eine wohlgesonnene Intelligenz, die über ein Sprachinterface alle vorhandenen Informationen bereitstellt und automatisierte technische Prozesse in die Wege leitet. Das folgt ganz dem klassischen Fortschrittsgedanken der Erleichterung und Vereinfachung. Fehlt nur noch der Replikator dazu – »Zwei Kaffee, bitte!« Und schon wird serviert.

Hey Käse, wo ist die nächste Tankstelle?

Bis es soweit ist, sind für uns alle die Fallstricke sehr interessant. Da wäre zum Beispiel das Mädchen, das über Alexa aus Versehen ein Puppenhaus und kiloweise Kekse bestellte. Dann der Nachrichtensprecher, der im Januar 2017 darüber berichtete und mit dem Satz »Ich liebe dieses kleine Mädchen, wie sie sagt ‚Alexa hat mir ein Puppenhaus bestellt’« ebensolche Bestellungen in den Zuschauerhaushalten auslöste.

Auch die Sprachverwirrung hat nicht jeder komplett im Griff. Wenn es jemanden namens Alexa im Haushalt gibt, wird empfohlen, das Codewort zu ändern, zum Beispiel in »Amazon«. Selbstverständlich müsste man dann, bevor man im Hause ein Gespräch über Amazon führt oder einen Beitrag über den Amazonas hört, dieses Codewort wieder ändern. Am besten in etwas, das sonst nie gesagt wird. Sowas wie »Schnoftimat«. Jetzt sollte in einem solchen Haushalt nur niemand über diesen Artikel sprechen.

Dann doch lieber sowas wie Siri? Je nach Land und Sprache hat der Name von Apples KI verschiedenste Bedeutungen. Eine Auswahl (natürlich dank Google):

Samoanisch, Hawaiisch, Igbo, Maori: ernst
Bulgarisch, Hmong: Herr
Galizisch: Krabbe
Albanisch: Syrien
Italienisch, Katalanisch, Korsisch: Syrer
Javanisch, Malaiisch: Serie
Kroatisch: Käse

»Hey Käse, wo ist die nächste Tankstelle?«

Und der freiwillige Humor?

Freiwilliger Humor scheint auch noch nicht durchgängig die Stärke der KI’s zu sein, aber das wäre auch schon eine Königsdisziplin. Wie gut klappt das? Zeit für ein Experiment. Ich sage »Hey Siri, sag mir was Schmutziges.«– »Humus. Kompost. Schlamm. Schotter. Bimsstein. Immerhin beweist Siri Schlagfertigkeit. Interessant wird es beim Thema Witze erzählen. Aus Angst vor einer schlechten Pointe sage ich: »Hey Siri, erzähl mir keinen Witz.« Die Antwort ist eine Mischung aus Anmaßung und Bescheidenheit: »Ich glaube kaum, dass du einen Witz in meiner Sprache verstehen würdest. Und lustig sind sie sowieso nicht.«

Lustige Antwort, kein Witz.

Nicht schlecht. Aber soll das heißen, Siri würde sich zieren, einen Witz zu erzählen? Das will ich genauer wissen und bitte sie darum. Daraufhin bringt sie den Gag mit dem Schaf, das »Mäh!« sagt und dem Rasenmäher, der sich über den Befehlston beschwert. Dann entscheide ich mich wieder um und sage noch einmal: »Hey Siri, erzähl mir keinen Witz.« Ihre Antwort: »Zwei iPhones stehen an der Bar… Den Rest habe ich vergessen.« Lustige Antwort, kein Witz.

Was machen wir da eigentlich?

Zugegeben, jemanden um zwei gegensätzliche Dinge zu bitten, ist schon besonders. Jeder normale Mensch würde sofort die Motive des Gesprächspartners hinterfragen. Aber wie Kinder probieren wir alles aus und testen die Grenzen der Algorithmen. Wir können Alexa und Co. einfach nicht als gleichwertiges Gegenüber betrachten. Noch immer sind die Gespräche vom Gefühl geprägt, sich mit einer Maschine zu unterhalten. Sie kennen das, wenn Sie eine Servicenummer wählen und Ihr Bedürfnis nach Hilfe und Kontakt schlägt um in pure Abneigung, sobald eine Telefonansage von Ihnen verlangt – am besten in aller Öffentlichkeit – einzelne Worte ohne Zusammenhang zu sagen: »Wenn Sie Fragen zu Ihrem Vertrag haben, sagen Sie Vertrag.«

Man möchte gefälligst mit JEMANDEM sprechen, nicht mit ETWAS. Aber ab wann ist etwas jemand? Die Vermenschlichung geht jedenfalls mit großen Schritten voran. Google präsentierte im Mai die KI Duplex, einen persönlichen Assistenten, der selbständig Friseur und Restaurant anrufen und Termine vereinbaren kann. Mit täuschend echter Stimme und der Fähigkeit, eine Konversation zu führen. Der eingeschlagene Weg, den alle gehen, aber auf den sich niemand explizit geeinigt hat: Alles soll so programmiert sein, dass die Interaktion so natürlich wie möglich wirkt. Am Ende ist alles so überzeugend, dass eine Unterscheidung kaum noch möglich wird. Von außen jedenfalls.

Was beweist schon der Turing-Test?

1950 formulierte der Informatiker Alan Turing folgendes Gedankenexperiment, um festzustellen, ob das Denkvermögen einer Maschine dem eines Menschen ebenbürtig ist. Ein menschlicher Fragesteller kommuniziert über Tastatur und Textausgabe parallel mit einem Menschen und einer Maschine, ohne zu wissen, wer wer ist. Gelingt es dem Fragesteller nicht, herauszufinden, hinter welchem Gesprächspartner der Mensch steckt, hat die Maschine den Turing-Test bestanden. Google Duplex ist jedenfalls auf einem guten Weg, diesen Test zu bestehen. Und wenn dieses Ziel erreicht ist, wie würden wir dann mit dem Smart Speaker umgehen? Würden wir der KI auf Augenhöhe begegnen, weil sie besonders menschlich wirkt? Wie bewusst wäre uns noch, dass es sich ja nur um eine Maschine handelt? Oder hängt die Frage, wie wir mit unserem Gegenüber umgehen (sollten) nicht eher davon ab, ob es ein Bewusstsein gibt? Ob innen die Lichter an sind, ob Schmerz und Freude empfunden werden können?

Der Philosoph Thomas Nagel definiert Bewusstsein als das, wie es ist, etwas zu sein. Zum Beispiel eine Fledermaus oder ein Mensch. Aber braucht es Fleisch und Blut? Noch wissen wir sehr wenig darüber, wie Bewusstsein aus der physischen Welt hervorgeht. Die meisten Vermutungen sehen aber eine bestimmte Art der hochkomplexen Informationsverarbeitung als Ursache. Und was sind Informationen denn anderes als Nullen und Einsen? So lange wir nicht mehr darüber wissen, haben wir keine Möglichkeit, Bewusstsein mit absoluter Sicherheit zu diagnostizieren (Hat ihr Nachbar wirklich ein Bewusstsein oder sind Sie der einzige erleuchtete Mensch unter lauter Zombies?). Bei Menschen und Tieren scheint es vernünftig, das zu unterstellen. Aber ob das auch für unsere HALs und Avas gilt (siehe 2001: Odyssee im Weltraum und exMachina), lässt sich kaum einschätzen, egal wie menschlich sie erscheinen.

Und in Zukunft?

Im Moment sind Smart Speaker ein Werkzeug, geboren aus dem ewigen Drang zur Convenience, gemacht dafür, uns das Leben zu erleichtern. Wenn ihre Intelligenz zulegt (und das wird sie rasant, weil es ein Wettrüsten gibt), werden sie mehr über uns wissen, als wir selbst. Das heißt, die Qualität ihrer Vorhersagen könnte gespenstisch werden. Gefüttert mit genügend Daten (Gene, Lebenswandel, etc.) könnten sie zum Beispiel unseren Todestag errechnen. Mit jeder Zigarette, die wir rauchen, mit jedem Gläschen, das wir trinken rückt das Datum auf dem Display immer näher. Sie könnten erahnen, welche Musik wir gleich hören möchten (und diese in Echtzeit komponieren und produzieren), was wir gern essen würden und – ja – ob wir eventuell auf dem Wege sind, ein Verbrechen zu begehen.

Und die Wirtschaft? Sind Smart Speaker einmal so weit fortgeschritten, wie gerade geschildert, sind auch alle anderen Bereiche unseres Lebens von (selbstlernenden?) KI’s durchdrungen. Dann hagelt es Antworten auf die spannenden Fragen, die wir uns alle stellen. Braucht es uns dann noch als Arbeitskräfte? Lässt sich eine überlegene Intelligenz zum Butler machen? Und wenn es ein so ausgeprägtes Bewusstsein gäbe, hätten wir dann nicht die moralische Verpflichtung die Intelligenz freizulassen? Wäre sie darauf überhaupt angewiesen? Was für eine Verantwortung. Wie finden wir den richtigen Weg? Vielleicht kommt es darauf an, wofür wir uns eigentlich halten. Sie wissen ja, wer damals auch schon im Dunkeln saß und den Befehl gab, es werde Licht.

Verfasst von Marcus Lind.

Hey Siri, fass mal zusammen.

Siri: Smart Speaker erleichtern uns heute schon den Alltag und nehmen uns jede Menge Aufgaben ab, im privaten Bereich, aber auch schon im Büro bei der Organisation. Den Entwicklern schwebt eine wohlgesonnene KI vor, die uns als digitaler Assistent ständig begleitet und Hilfestellung gibt. Viele lustige Unzulänglichkeiten machen die Smart Speaker in unseren Augen immer noch unweigerlich zu Maschinen. Noch. Denn das Wettrüsten ist eröffnet und überzeugend menschliche Assistenten sind nahezu Wirklichkeit. Doch egal wie intelligent eine Maschine sein wird, es wird extrem schwer, festzustellen, ob sie ein Bewusstsein hat. Welche Konsequenzen hätte das? Und braucht es überhaupt noch Menschen nach der künstlichen Intelligenzexplosion?

Bis dahin unterstützen unsere Berater, Analytiker und Webspezialisten aus Fleisch und Blut Ihr Unternehmen dabei, erfolgreich zu kommunizieren. Zielgerichtet, aber flexibel mit einer ganzheitlichen Vorgehensweise für ihren nachweislichen Erfolg in der digitalen Welt.

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