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Googeln wir uns blöd?
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Googeln wir uns blöd?

Glaubt man neueren Studien zur Intelligenzforschung, dann führt die Nutzung moderner digitaler Informationsquellen nicht dazu, dass wir schlauer werden – im Gegenteil, wir verblöden. Das ist natürlich eine pauschalisierende Aussage, aber sie enthält möglicherweise einen wahren Kern. So behauptet eine provokante populärwissenschaftliche These, dass die heutigen, in einer digitalen Gesellschaft lebenden Menschen denen der Antike geistig nicht das Wasser reichen könnten. Käme beispielsweise ein Bürger aus dem antiken Griechenland mittels Zeitreise zu uns, er wäre uns intellektuell weit überlegen, er wäre einfallsreicher und hätte ein besseres Gedächtnis.

Das ist nicht so unwahrscheinlich wie es zunächst klingt, denn immerhin wurde der »Satz des Pythagoras« am Strand von Samos entdeckt und hergeleitet. Vor etwa 2500 Jahren. Da gab es keine Suchmaschinen, kein Wikipedia, keine Youtube-Erklärvideos. Helle Köpfe waren allein auf ihren Einfallsreichtum angewiesen und auf das, was sie in ihrer grauen Gehirnmasse an Wissen gespeichert hatten.

Waren die alten Griechen intelligenter? In einem kürzlich erschienenen Artikel im »Spiegel« ist man dieser Frage nachgegangen. In den alten Analog-Zeiten hat man Wissen vor allem durch Nachdenken, empirisches Nachprüfen und direkten Unterricht durch einen Lehrer erworben. Wie funktioniert Wissenserwerb heutzutage, in digitaler Zeit? Gilt der Satz noch: Man muss nichts wirklich wissen, man muss nur wissen, wo man nachschlagen muss, sprich: wonach man am besten googelt? Ist Frau Google das Maß aller Dinge? Ist sie die Heilsbringerin unserer modernen Welt? Nur nebenbei bemerkt: Es gibt auch andere Suchmaschinen, zum Beispiel die »grüne« Suchmaschine Ecosia.

Der Protagonist in Platons Dialogen – Sokrates – führt mit seiner einzigartigen Gesprächsführung anschaulich vor Augen, dass der Wissenserwerb ein ständiger Prozess ist, der sich im Kopf abspielt. Ein Prozess, den man durch eigenes Nachdenken durchlaufen muss. Es ist ein aktiver Prozess, kein passives Aufnehmen von Informationen. Sokrates ist nicht hingegangen und hat den Leuten die Welt erklärt, sondern er hat seine Mitbürger mit Fragen gelöchert, die sie sich dann im Dialog mit ihm beantwortet haben. Auf diese Weise sind sie zu neuen Erkenntnissen gelangt. Sokrates hat dabei lediglich »Geburtshilfe« geleistet (griech. »Maieutik«). Wissenserwerb ist nach dieser Auffassung also ein aktiver Prozess des Nachdenkens. Das zeigt, dass man sich Wissen nicht einfach einverleibt durch passive Informationsaufnahme, sondern dass man es sich erarbeiten muss. Immer wieder. Informationen, die jederzeit verfügbar sind, die man jederzeit googeln kann, sind noch kein Wissen.

Natürlich stellt sich dabei immer die Frage, was Wissen eigentlich ist. Wenn man Informationen downloaded oder streamt (Podcasts, Youtube-Videos etc.), besitzt man noch lange kein Wissen. Aber wann verfügt man über Wissen? Wenn man eine Information jederzeit wiedergeben kann? Wenn man Schillers »Glocke« aus dem FF rezitieren kann? Ist Wissen etwas Statisches oder ist es nicht vielmehr von Natur aus schon etwas sehr Flüchtiges? Es gibt ja auch das Phänomen, dass jemand als wandelndes Lexikon gilt und trotzdem keine relevanten Zusammenhänge herstellen kann – dass sein Wissen »tot« ist.

Ein Meer von
Informationen – und wir schwimmen nur an der Oberfläche.

Betrachtet man im Vergleich zur Antike die heutigen schier unbegrenzten Möglichkeiten des Wissenserwerbs, dann steht dem eine genauso große Überforderung und Übersättigung durch Informationen gegenüber. In dem Buch »Deep work« von Cal Newport (deutscher Titel: »Konzentriert arbeiten«) wird die These vertreten, dass wir heutzutage in einer Welt voller Ablenkungen beim Arbeiten nicht mehr in die Tiefe gehen. Wir sind gar nicht mehr in der Lage, tief einzutauchen in ein Thema, weil wir es gewohnt sind, von einem Thema sehr schnell zum nächsten zu springen. Wir taumeln kopflos in der Gegend herum, springen von einem Argument zum nächsten und gehen keinem Gedanken wirklich auf den Grund. Sofern wir nicht gerade Wissenschaftler von Beruf sind.

Nach dieser These wäre ein ganz normaler Bürger der Antike dem heutigen modernen Menschen intellektuell wahrscheinlich tatsächlich überlegen. Eine interessante, aber auch sehr provokante These. Sie scheint kaum glaubhaft, wenn man sich mit dem Wissensangebot konfrontiert, das über das Internet jedem zugänglich ist. Bei so viel vorhandenem Menschheitswissen, nach so viel Fortschritt und Entwicklung sollen wir heute blöder sein als die Menschen vor 2500 Jahren? Kaum zu glauben.

Trotzdem: Vielleicht wäre uns ein Mensch aus der Antike deshalb geistig überlegen, weil er eine andere Form des Wissenserwerbs hatte, weil er anders an Probleme heranging und dadurch kreativere Lösungen finden konnte. Es kommt ja nicht auf die Menge an theoretisch verfügbaren Informationen an, sondern auf das praktisch verfügbare Wissen. Auf das, was man wirklich intus hat. Und es kommt auf die Art der Nutzung dieser verfügbaren Informationen an. Kaum jemand kann heute noch seitenweise ein Buch aus dem Kopf rezitieren. Früher war das Auswendiglernen von Wissen gang und gäbe. Heute googelt man schnell mal und vergisst die Information eine Minute später schon wieder. Der überall und jederzeit verfügbare Informationsschatz durch digitale Medien geht nicht in unseren Wissensschatz über. Er versiegt auf dem Weg in unser Langzeitgedächtnis. Das belegen auch die schon eingangs erwähnten wissenschaftlichen Studien aus der Intelligenzforschung – demnach wird das Kurzzeitgedächtnis besser, das Langzeitgedächtnis schwächer.

Wissen muss man sich erarbeiten.

Sokrates ist das beste Beispiel für die große Diskrepanz, die zwischen der analogen Antike und der digitalen neuen Welt in Bezug auf den Wissensbegriff herrscht: Man gelangt zu Wissen nur durch eigene Erfahrung und Nachdenken, nicht durch Googeln. Als Lehrer doktrinierte Sokrates seinen Schülern Wissen nicht von außen auf, sondern er machte es ihnen durch angeleitetes selbständiges Nachdenken verfügbar. Es ist eine Wissensvermittlung im direkten Dialog zweier Menschen. Das ist eine vollkommen andere Art des Wissenserwerbs, als wir es heute gewohnt sind. Man kann es in etwa mit dem Nahrungserwerb vergleichen: Früher musste man sich ein Reh mit Pfeil und Bogen schießen, es zerlegen und zubereiten, heute bestellt man einfach Rehrücken mit Preiselbeeren. Wenn es sein muss, sogar per Mouseclick oder Fingertouch. Ähnlich verhält es sich mit dem Wissenserwerb. Die Frage ist: Wenn man so einfach auf vermeintliches Wissen zugreifen kann – auf Informationen – und es sich durch Lesen und Hören »einverleibt«, ist das dann echtes Wissen? Oder ist das eine Art »Instant-Wissen«?

Geliehenes Wissen durch Informations-Streaming.

Genau genommen besitzen wir die jederzeit verfügbaren Informationen aus der digitalen Welt nicht. Wir streamen Informationen, aber wir verinnerlichen nichts. Genauso wenig wie wir gestreamte Musik besitzen, besitzen wir Wissen. Wir leihen uns Wissen nur. Streamen allein genügt nicht, man muss schon etwas dafür tun, dass aus Informationen Wissen wird.

An einem Phänomen, das jeder kennt, wird deutlich, dass Wissen Arbeit bedeutet: Wenn man neue Informationen schriftlich festhält, dann bleiben diese besser im Gedächtnis, wie wenn man sie nur theoretisch, auf virtuellem Wege hört oder liest. Wenn man etwas aufschreibt, dann bildet sich Wissen schneller. Ansonsten verfliegt es sofort wieder wie eine flüchtige Lösung in der Chemie. Da wir jedoch Informationen, die wir ständig über digitale Medien aufnehmen, kaum noch schriftlich fixieren, wird es schwierig mit dem Wissenserwerb. Informationen verflüchtigen sich schnell, wenn man sie nicht in eine feste Form bringt, das heißt, wenn man sie sich nicht selbst erarbeitet. Eine Analogie zum Tierreich macht es deutlich: Eine Kröte wird eine ihr vorgesetzte tote Fliege als Nahrung verschmähen – sie muss sich ihre Nahrung erarbeiten, sie will lebende Beute.

Wissen lässt sich nicht streamen.

Sind wir noch Jäger und Sammler, was den Wissenserwerb angeht? Viele Menschen sammeln leidenschaftlich gern – vom Bierdeckel bis zur Briefmarke. Viele sammeln auch gerne Informationen, zum Beispiel in Form von MP3s. Durch Musikstreaming sind plötzlich 35 Mio. MP3s sofort verfügbar. Trotzdem besitzt man diese Informationen nicht. Weder praktisch – zum Beispiel in Form von CDs – noch im übertragenen Sinne. Wir besitzen die 35 Milo. Titel praktisch nicht, wir können nur theoretisch darüber verfügen. Vermutlich ist deshalb der Widerstand gegen Clouds und Streaming bei vielen Menschen so groß, weil viele dabei nicht das Gefühl haben, die Daten zu besitzen, sondern sie nur zu verwalten. Das Hindernis sind vielleicht weniger die Berührungsängste mit neuer Technologie als vielmehr der ganz ursprüngliche Wunsch, etwas rein faktisch zu besitzen – in diesem Fall: Wissen zu besitzen. Das Jäger- und Sammler-Gen steckt einfach in uns drin.

Mehr Information, aber weniger Wissen?

Mit Sicherheit ist das kollektive Wissen der Menschheit in den letzten 2500 Jahren stark gewachsen. Aber der einzelne Mensch in der digitalen Welt – ständig umgeben von einem Informationschaos – hat sein intellektuelles Potential im Vergleich zu einem Menschen der Antike wahrscheinlich nicht steigern können. Mehr Information bedeutet nicht automatisch mehr Wissen. Wir wissen nicht mehr, wir wissen nur schneller, löschen dieses Wissen aber auch schneller, weil wir uns ständig immer wieder neu anpassen müssen. Die Welt ist sehr viel schneller geworden, umso schneller verflüchtigt sich auch Wissen.

Zwei große Umwälzungen: Klimawandel und Informationswandel.

Heute sind Informationen zu jeder Zeit und zu jedem Thema verfügbar. Das war noch nie in der Menschheitsgeschichte der Fall. Im Gegenteil: Der größte Teil des Wissens war oft nur einer kleinen Elite zugänglich. Im digitalen Zeitalter hat sich das komplett gewandelt, was viele gesellschaftliche Umwälzungen mit sich bringt. Und der Prozess ist noch immer in vollem Gange. So gesehen gibt es nicht nur einen Klimawandel, es gibt auch einen Informationswandel. Die Frage ist nur, was wir aus den neuen Möglichkeiten für uns herausholen. Wissen ist Macht, hieß es früher. Heute kommt es jedoch mehr denn je darauf an, welches Wissen wir nutzen wollen und wie wir es uns erarbeiten können. Ob wir uns blöd googeln und unsere Zeit verschwenden oder ob wir gezielt Neues lernen und die richtigen Informationen aus der Datenflut herausfiltern. Ob wir in die Tiefe gehen und ungeahnte Schätze an die Oberfläche holen. Die Chancen dazu sind da, wir müssen nur gezielt danach greifen.

Was heißt das für die Nutzung von digitalem Marketing?

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Über Rainer Rupp.

Der Autor, Rainer Rupp, studierte Germanistik und Philosophie, bevor er 1995 in den Sog der Werbebranche geriet. Nach Lehr- und Wanderjahren in großen Agenturen ist er seit 2003 freier Texter in Heidelberg. Neben dem Erstellen von Dienstleistungstexten – seinem Brotberuf – begeistert sich der Autor auch für das Verfassen von literarischen Texten. Denn die digitale Welt kann trotz KI und anderem Schnickschnack auf eines nicht verzichten: auf das Gehirn mit seinem unnachahmlichen Neuronenfeuerwerk.

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