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Die Hologramm-Geliebte oder vom Taumel zwischen Wirklichkeit und Simulation.
Kunst
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Fünf Kurzessays zum Digitalen von Bettina Scholz.

Angeblich entsperren wir unser Smartphone durchschnittlich achtzig Mal am Tag.
Auch ohne diese Zahl zu kennen wissen wir, dass unser alltäglicher Konsum von nützlichem und unnützlichem Wissen exzessiv ist. Auf Instagram verschlingen wir, mehr oder weniger bewusst, sagenhafte Mengen von Bildern. Ähnlich ergeht es auch digitalen Texten jeder Art, weshalb sie oft kurz sind und sich der Fülle des Netzes und dem schnellen Lesen anpassen. Das Mikroblogging, wie es Twitter betreibt, ist ein Phänomen, das im Internet geboren wurde und den Informationsfluss enorm beschleunigt hat. Wie verändert die Digitalisierung die Art, wie wir Informationen aufnehmen, unser Umfeld und unsere Wahrnehmung?

Folgender Beitrag übernimmt die internettypische Struktur der flüchtigen Kurzinformation, würde sich selbst jedoch lieber im Bereich der »Beobachtungen«, denn der konkreten »Erkenntnisse« verorten. In fünf knappen Essays ploppen Gedanken zur virtuellen Welt auf, verfasst von der Künstlerin Bettina Scholz. Sie machen unser alltägliches Springen zwischen privaten, öffentlichen, zufälligen und bewusst ausgesuchten Inhalten zum Konzept, deren gemeinsame Klammer jedoch das Nachdenken über das Digitale ist.

Über Bettina Scholz.

Die 1979 in Neuruppin, Brandenburg geborene Künstlerin Bettina Scholz hat Malerei und Freie Kunst an der Kunsthochschule Berlin Weissensee und am Chelsea College of Art in London studiert. Ihre Arbeit umfasst Malerei, Installation, Collage und Zeichnung, neben einigen Ausstellungskonzepten. die sie in den letzten Jahren entworfen und kuratiert hat, ua. in Berlin und Wien. Zurzeit sind ihre Arbeiten in der Galerie Alexander Ochs Private Berlin, in der Santa Lucia Galerie der Gespräche, ebenfalls in Berlin und in der Tony Wuethrich Galerie in Basel zu sehen. Mehr Informationen zu Werken und Ausstellungen gibt’s auf www.bettinascholz.de.

Die Hologramm-Geliebte.

Zu den immer-aktuellen Fragen der Menschheit gehört sicher: Was ist Wirklichkeit? Was ist Fiktion und Simulation? Auch in der Kunst sind das Kernfragen und in Zeiten der Digitalisierung wichtiger denn je. Das Verhältnis von Wirklichkeit und Simulation wird sowohl in unzähligen uralten als auch ganz neuen Kunstwerken und Erzählungen ausgelotet. Es rumort in den Köpfen und Herzen der Menschen. Schon der mittelalterliche Kirchenmann und Wissenschaftler Albertus Magnus »stand im Verdacht der Zauberei, weil er einen Androiden geschaffen haben soll, der ihm als Türsteher diente, die Besucher nach ihren Wünschen gefragt haben soll und aufgrund ihrer Antworten selbst entschieden hat, wer bei seinem Herrn und Meister eintreten darf und wer nicht« – beschreibt Manfred Geier in seinem Buch »Fake – Leben in künstlichen Welten«. Viel weiter zurückliegend, in der griechischen Mythologie, wird beschrieben, dass König Pygmalion sich in die von ihm erschaffene weibliche Skulptur verliebt, sie also den realen Frauen vorzieht. In der Romantik nimmt E.T.A. Hoffmann die Idee in seinem Kunstmärchen »Der Sandmann« wieder auf.

Eine wunderbare zeitgenössische Variation des Motivs ist in dem Film »Blade Runner 2049« zu finden. Das nervöse Flackern zwischen Wirklichkeit und Simulation findet sich in der Szene, in der sich das Bild der virtuellen Geliebten des Protagonisten Officer K über den realen, haptischen Körper einer Prostituierten projiziert. Er macht Liebe mit einem Bild und gibt sich bewusst der Illusion hin, seine Hologramm-Geliebte als echten Körper zu berühren. Aber was ist das Echte überhaupt in so einer Welt? Ist die virtuelle Geliebte des Officer K nicht genauso echt, wenn sie sogar so programmiert werden kann, dass sie ganz echten Regen auf ihrer Hologramm-Haut spüren kann? Wird die Illusion an sich nicht emotional und psychisch ganz real, wenn man liebt, miteinander spricht, gemeinsam zu Abend isst?

Im Juli 2018 veröffentlichte die Bundesregierung die »Eckpunkte der Bundesregierung für eine Strategie Künstliche Intelligenz«. Es ist eine überfällige Diskussion, die hier vorangetrieben werden soll, denn wie wir mit Maschinen interagieren werden und sie mit uns – bei Weitem nicht nur in der Liebe – ist ein großes Zukunftsthema. Welchen Einfluss intelligente Computersysteme auf Gesellschaften, Politik und Arbeitswelten haben, können wir schon erahnen. Die alten und neuen Erzählungen der Kunst, der Literatur, des Films sind lautstark aus dem Bereich der unglaubwürdigen Fantasie in die faktische Realität eingetreten und werden uns immer neu überraschen, erschrecken, bedrohen oder euphorisieren.

Schöne Frisur.

Vor einigen Jahren googelte meine Freundin aufgrund mangelnder Ideen für einen neuen Haarschnitt das Begriffspaar »Schöne Frisur«. Lange Zeit war das in meine Liste der kuriosesten, ineffizientesten Google Anfragen eingegangen und ich ließ keine Gelegenheit aus darüber zu witzeln. Die Bildersuche öffnete sich und zeigte uns völlig willkürlich Frisuren: von absolut nichtssagenden, irrsinnig biederen bis hin zu absurd schrecklichen war alles dabei. Kaum etwas davon war nur im Ansatz brauchbar. Es zeigte uns eine riesige Welt weit außerhalb unseres Geschmacks und unserer Vorstellungen.

Kürzlich sprach auch meine Nichte von einem neuen Haarschnitt und ich schlug mal wieder in ironischem Tonfall vor, sie könne ja »Schöne Frisur« googeln. Sie war überhaupt nicht irritiert und folgte meinem Rat sofort. Als sie die Bildersuche öffnete, war ich erstaunt: es zeigten sich reihenweise Frisuren, die der meiner Nichte glichen oder ähnelten oder zumindest ihrem Typ entsprachen. Die Algorithmen scheinen ihren Geschmack, ja sogar ihr Aussehen, eingekreist zu haben und zwingen sie zu selektiver Wahrnehmung. Bequemer mag das sein, lustiger nicht.

Van Gogh Update.

Im Herbst 2016 hatte ich eine Ausstellung in München, die ein wirklicher Kraftakt war, da ich fünfundzwanzig große Bilder zeigte und parallel eine weitere Ausstellung in Wien plante. Bevor der Aufbau losging, hatte ich etwas Zeit spazieren zu gehen, Kaffee zu trinken, auf jeden Fall aber meine Augen zu erholen. Auf keinen Fall wollte ich eine andere Ausstellung sehen, wie ich es sonst gern auf Reisen tue. Ich kann überhaupt nicht mehr nachvollziehen, weshalb ich schließlich doch in der Neuen Pinakothek landete und dort in die großartige Sammlungspräsentation des 19. und 20. Jahrhunderts versank. Es war ein visueller Schock. Vincent van Gogh, der durch unzählige Abdrucke auf Kalendern, Postkarten und Merchandise Produkten jahrelang auf mich so verbraucht gewirkt hatte, krachte mir mit ganz neuer, farbenmächtiger Intensität entgegen.

Metallische, künstliche, intensive Oberflächen von Anselm Feuerbach, zum Beispiel die übersteuerte Farbwirkung des Wassers in seinem Medea Bild, wirkten erstaunlich nah und gegenwärtig. Einige dieser und andere Bilder kannte ich von der Zeit, in der das Digitale noch nicht so allgegenwärtig war und ich erinnere mich genau, dass mir viele Malerei zunehmend überholt und veraltet vorkam. Jetzt: genau das Gegenteil. Es ist natürlich nur Spekulation, aber ich hatte das Gefühl das sich, nach all den Desktops, Screens, Photoshop und Instagram Bildern mit ihren Filtern, Verzerrungen und grellen Farben, etliche der gemalten Bilder auf unglaubliche Art aktualisiert hatten. Euphorisch verließ ich das Museum. Ich konnte die Malerei wieder lieben.

Taumel und Navigation.

In der übervollen Gegenwart der haptischen und virtuellen Welt, ist es nicht besonders leicht, dass zu finden, was uns wirklich interessiert. Ich beobachte oft, dass wir meist erst in dem Moment beginnen uns für etwas zu interessieren, indem es uns emotional berührt hat. Es ist ein Moment, in dem etwas zündet – oft bemerken wir es zunächst gar nicht oder können zumindest nicht sofort erklären, woher es kommt. Eine schnelle und rationale Erklärung scheint auch unmöglich, denn die Ursprünge dieses Berührtseins sind äußerst komplex.

Sie haben mit der ganzen Fülle unserer Lebensgeschichte zu tun, mit jedem einzelnen Moment, jedem Gespräch, jedem Geruch, jedem Geräusch. Sie sind gleichzeitig Reichtum und Überforderung. Das war schon vor der Digitalisierung so. Jetzt jedoch stürzen die verschiedensten Einflüsse dermaßen rasant auf uns ein, dass wir uns in einer Art Taumel zwischen Wirklichkeit und Simulation zu befinden scheinen. Wie können wir darin noch finden, was uns wirklich berührt und interessiert? An dem wir anknüpfen und weitermachen wollen? Ich denke, es gibt dafür ein erstaunlich präzises Werkzeug, das weiterhelfen kann: es ist unsere Intuition. Obwohl die Intuition in der Kunst, aber auch in vielen anderen Bereichen, seit jeher eine wichtige Rolle gespielt hat, wird sie, wie mir scheint, immer noch unterschätzt. Ihr ambivalenter Ruf lässt sie oft zu emotional erscheinen, zu ungenau, zu willkürlich.

Diese Ansicht ändert sich gerade, glücklicherweise. Denn es ist doch gerade die emotionale Ebene der Intuition, die uns hilft gute Entscheidungen zu treffen, Dinge und Menschen zu finden, die uns interessieren. In der Vielfalt der Einflüsse kann sie eine wichtige Navigation sein. Sicher hat sie auch deshalb siegesgewiss Einzug in die Vermarktung neuer, hoch-komplexer Technologien gehalten; bei Smartphones und Tablets wird massiv mit intuitiven Benutzeroberflächen geworben. Es erscheint mir so, dass das, was die Intuition ausmacht, nämlich die Mischung aus Erfahrung und radikaler Akzeptanz unserer Emotionalität, auch zukünftig verstärkt gebraucht wird und besonderer Beachtung bedarf.

Offline.

Thank you for your message. I’m off to the countryside to watch birds, swim and listen to science fiction soundtracks. In this little utopia there will be no access to the world wide web and therefore I will answer your emails when I’m back.

Mit dieser Abwesenheitsnotiz hinterließ ich meinen Email Account für zwei Wochen im Juli. Das kleine Haus im Wald ohne Empfang, wohin ich mich zurückzog, erscheint mir mittlerweile tatsächlich als ein Utopia, unwirklich fast und losgelöst von allen anderen Orten. Hier gelten andere Gesetze, andere Formen von Freiheit und auch von Sicherheit. Erst der Kontrast zum sonst so durchdigitalisierten Leben macht das deutlich. Keinen Empfang zu haben ist vielleicht ein viel exotischeres, unglaubwürdigeres Science-Fiction Szenario geworden, als extrem gut erreichbar und vernetzt zu sein. Es bekommt etwas Exklusives. Mein dreiundzwanzigjähriger Neffe besorgte neulich in einem kleinen Neuköllner Laden Festival Tickets, die es nur an ganz wenigen Orten in Deutschland und schon gar nicht online zu kaufen gibt. Der Veranstaltungsort bleibt bis kurz vor Beginn geheim, die Wegbeschreibung wird dann lediglich kommentarlos, in Form von Koordinaten über WhatsApp verschickt, ansonsten wird das world wide web außen vorgelassen.

Das Internet, das in seinen Anfängen das große Inklusive war (alle sollen dabei sein) scheint mit fortschreitender Digitalisierung ebenso stark das Exklusive hervorzubringen. Ein Beispiel dafür ist auch die Berliner Galerie »neugerriemschneider«, die sich seit Jahren einem regulären Website Auftritt entzieht, obwohl sie weltberühmte Künstler/innen vertritt. Lediglich eine Emailadresse ist auf der Seite zu finden, keine Künstlerliste, keine Messebeteiligungen, keine social media Links und nichts, was Galerien sonst gern online über sich mitteilen.
Sie suggeriert damit entweder ein dauerhaftes Understatement, eine Rebellion gegen ein Massenphänomen, also eine Art Punk-Attitüde oder ein super-elitäres Ausschließen von zu viel Öffentlichkeit.
Ich warte schon darauf, bald wieder handschriftliche Briefe zu erhalten.

Weniger ist manchmal mehr.

Die Digitalisierung verändert nicht nur die Art wie wir Informationen aufnehmen, sondern ganz grundsätzlich unsere Wahrnehmung. Wir lassen uns viel öfter sprunghaft, situativ und schnell auf Inhalte ein. Das bringt die große Chance mit sich, breit angelegt, neue Inhalte zu vermitteln und mit ungewöhnlichen Methoden Aufmerksamkeit zu erregen. Gleichzeitig macht die rasante Entwicklung der digitalen Welt den offline Status exklusiver, was gerade im Bereich des Digital Marketing eine Sensibilisierung für das »weniger ist manchmal mehr« mit sich bringen kann.
Die vormals oft als zu vage geltenden soft skills wie die Intuition, ohne die kreative Arbeit jedoch kaum möglich wäre, rücken auch in der technologischen Entwicklung als ernstzunehmende Werkzeuge nach vorne.

Verfasst von Bettina Scholz.

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