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Always on – Wer verschläft, hat schon verloren?
Human Health
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Always on – Wer verschläft, hat schon verloren?

Jetzt ist es amtlich: Die Digitalisierung stresst. In der Stressstudie 2016 der Techniker Krankenkasse haben rund 60 Prozent der Befragten beklagt, dass ihr Leben in den letzten Jahren noch stressiger geworden ist. Schuld daran sind – nicht ausschließlich, aber auch in nicht eben geringem Maße – die Verschiebungen, die die Digitalisierung ins unser Arbeits- und Privatleben spült. Oder, Moment mal, gibt’s da überhaupt noch einen Unterschied? Hmmm…

Früher war alles besser und aus Holz.

Früher, und damit meine ich wirklich ganz früher, als der Fernseher noch grobkörnig vor sich hin flimmerte und, Stichwort »Sendeschluss«, gegen Mitternacht Feierabend machte, strukturierten auch die Medien den Tag. Zum Frühstücksei gab’s die Zeitung, das Radio infotainte durch den Tag und abends sorgte das Fernsehen für Nachrichten und die tägliche Portion Unterhaltung. Man hatte nur Freunde, die man auch wirklich kannte, und es reichte der Besitz eines Bonanza Fahrrads, um als coole Sau durchzugehen. Der erwerbstätige Arbeitnehmer verließ früh das wohlige Nest, um am mehr oder weniger ferngelegenen Arbeitsplatz sein Tagwerk zu verrichten und sich nach Schicht seinem Privatleben zu widmen. Um Freunde zu treffen, nutzte man, sofern man nicht über eine Stammkneipe verfügte, wo sowieso jeder jeden kannte, das Telefon und verabredete sich zu einer festen Zeit an einem festen Ort. Meistens hat das funktioniert. Vielleicht auch deshalb, weil die Chancen, dass etwas Unvorhergesehenes dazwischenrauschte, vergleichsweise gering waren. Wie gesagt, nach Schicht war Schicht und wer nicht zu Hause war, war halt nicht zu erreichen, na und?

Die Qual der Wahl der vielen neuen Freiheiten.

Dagegen steht heute eine Fülle an Optionen und Entscheidungen. Wir haben mehr Freiheiten, mehr Möglichkeiten, mehr Alternativen denn je. An jeder Ecke lockt ein neuer Job, ein neuer Partner, ein neues Leben. Der klassische nine-to-five-job im Büro ist passée. Flexible Arbeitsmodelle wie Home Office und Remote Work bieten einen Zugewinn an Freiheit und fordern zugleich ein höheres Maß an (Eigen-)Verantwortung. Ein Blick auf Facebook, Instagram & Co. kann genügen, um ins Hadern zu geraten – müsste, sollte, könnte ich nicht auch ein anderes, cooleres Leben führen? Wir vergleichen, wägen ab und müssen uns immer wieder neu positionieren. Die Frage ist: Machen wir uns nicht vielleicht selbst mehr Stress als nötig?

Always on duty, always on the Sprung?

Heute nutzt fast jeder ein Smartphone, um genau zu sein: 78 Prozent der Deutschen, Tendenz steigend. Wir haben uns, Hand aufs Herz, ganz freiwillig zu Push-Nachrichten-Junkies gemacht. Und genau das stresst uns jetzt. Weil das Hirn dafür gar nicht gemacht ist. Aber der Reihe nach…

Wie eingangs erwähnt: Immer mehr Menschen fühlen sich immer gestresster. Die Gründe dafür sind vielfältig. Gleichwohl lässt sich ein gemeinsamer Nenner ausmachen. Nämlich die Sorge, seinen Platz in der Gesellschaft zu erobern und behaupten. Im Job always on sein zu müssen, erhöht den Stresspegel. Dabei verwischt die permanente 24/7- Erreichbarkeit nicht nur die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben. Sondern sie füttert auch das Gefühl, stets auf dem Sprung, immer in Alarmbereitschaft zu sein. Denn schließlich, auch das stellt die zitierte Studie fest, sind es neben Schule, Studium, Beruf vor allem die hohen Ansprüche an sich selbst, die uns hetzen. Und die uns krank machen: hoher, dauerhafter Stress schlägt sich auf die Gesundheit und in steigenden Raten psychischer Erkrankungen nieder. Stressen wir uns in erster Linie also selbst?

Unser Hirn ist für digitales Multitasking nicht gemacht.

Die moderne multimediale Kommunikation verändert nicht nur die Art und Weise, wie und wo und wann wir arbeiten. Sie verändert uns. So schlafen wir zum Beispiel durchschnittlich eine Stunde weniger als noch vor zwanzig Jahren. Und halten, wenn’s gut läuft, zwischendurch ein Power-Nap. In Japan gibt es sogar öffentliche Schlaf-Cafés, um sich in der Mittagspause mal kurz abzulegen. Jetzt, ehrlich, das ist grotesk! Zudem: Nicht nur weniger, sondern auch schlechter schläft, wer ständig am Smartphone hängt.

Was einerseits am Blaulicht der Displays liegt, das normalerweise nur im Tageslicht enthalten ist und den Organismus in den Wachmodus versetzt. Andererseits an all den Mails, Messages und Nachrichten, die den Stresslevel in die Höhe treiben. Jede Push-Nachricht kostet Energie schon allein dadurch, dass wir zu der Entscheidung gezwungen sind, ob und wie wir sie bearbeiten. Interessanterweise führt die Nachrichtenflut des always on sogar zu kurzfristiger Verblödung: Das Wissen um eine ungelesene Mail im Postfach lässt den IQ um satte 10 Punkte sinken. Ganz einfach, weil es dem Gehirn zu viel wird. Ich bin doch keine Maschine, summt es vor sich hin, und macht langsam. Schließlich hat sich das arme Dinge zu einer Zeit entwickelt, in der weit weniger Informationen parallel verarbeitet werden mussten. Da hinkt die Evolution der Digitalisierung gewaltig hinterher. Darüber hinaus führt das moderne mediale Multitasking: wir schreiben einen Text und gucken zeitgleich ungefähr 1 Million mal auf’s Handy, dazu, dass wir, weil wir uns nur zu gerne ablenken lassen, zunehmend unkonzentriert sind. Auf die Art nehmen wir Dinge nicht nur nicht mehr bewusst wahr, wir können uns vieles auch viel schlechter merken. Wer kennt schon noch eine Telefonnummer auswendig?

Unser Verhalten lässt zu wünschen übrig.

Auch im Privaten hat uns das digitale Netz längst fest im Griff. »Wie wir uns untereinander verhalten, ist heute anders als noch vor 30 Jahren. Wir kommunizieren über WhatsApp, Facebook oder Tinder«, sagt Bastian Roet, Sprecher des deutschen Soziologenverbandes. »Im Internet gehen wir miteinander um, wie es im realen Leben nicht tragbar wäre.« Ghosting, das zum vollständigen Kontaktabbruch führende Vermeiden jeglicher (Tele-)Kommunikationsversuche, ist eines der perfidesten Beispiele hierfür. Die Aus-den-Augen-aus-dem-Sinn-Strategie wiederholt das Verhalten von Kleinkindern, die sich die Hand vor Augen halten und glauben, man sähe sie nicht. So verpufft Kants kategorischer Imperativ »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde« irgendwo im Nirwana der Geschichte. Und aus Descartes’ »Ich denke, also bin ich« wird das ebenso so banale wie tragische »Ich werde nicht bedacht, also bin ich ein Nichts«.

Geschafft hat’s, wer nicht immer erreichbar ist.

Das Internet und insbesondere die sozialen Medien packen uns an der Wurzel – am Grundbedürfnis nach Verbundensein und Wahrgenommenwerden. Je einfacher es ist, jemanden zu kontaktieren, desto schwieriger wird es auszuhalten, wenn sich gerade niemand für einen interessiert. Je vielfältiger die Optionen des Dabeiseins, desto stressiger, sich zu konzentrieren, desto penetranter das Gefühl, etwas zu verpassen. Ständig sind wir hin- und hergerissen: Auf der einen Seite möchte man sich mit seinem Kumpel am Tresen in Ruhe unterhalten, auf der anderen bietet das Handy verlockende Möglichkeiten, sich auch anderweitig der eigenen Beliebtheit und Bedeutung zu versichern. Hat wer geschrieben und wenn ja, wie viele? Es ist ein bisschen so, als wären wir längst süchtig nach dem Stress. Und wer keinen hat, hat irgendwie was falsch gemacht.

Zukunftsforscher Matthias Horx prognostiziert eine Trendwende: Digital Cocooning. Im bewussten Sich-Entziehen bzw. in der maßvollen Nutzung, sieht er das Statusverhalten der Neuzeit. Aus Online wird OMline. Cool und avantgarde ist, wer eben nicht ständig on und erreichbar ist. »Wenn man früher zeigen wollte, wie gut es einem ging, musste man schweres Gerät auffahren: Autos, teuren Schmuck, Uhren, schwere Weine, all den Quatsch. Heute muss man ohne Smartphone und mit Achtsamkeit im Blick auf eine Versammlung kommen.« Wer es sich leisten kann, sich zu entziehen, hat die Macht, und ist sich selbst genug. Im Marketing nennt man so etwas wohl künstliche Verknappung.

Verfasst von Alex Dankert.

Gelungene Kommunikation: Nicht immer überall, sondern zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Also, fassen wir mal kurz zusammen: Wie alles, hat auch die Onlinekommunikation ihre zwei Seiten. Sie beschert uns mehr Freiheit und Flexibilität, weil wir überall und jederzeit erreichbar sind. Und sie beschert uns ständige Erreichbarkeit. Vor allem aber fordert sie uns heraus. Wann wir mit wem kommunizieren – sie zwingt uns, abzuwägen und Entscheidungen zu treffen. Dabei ein Quäntchen mehr Selbstbewusstsein an den Tag zu legen, kann daher nicht schaden. Seien wir einfach egoistisch und nutzen wir die digitalen Dienste für unsere individuellen Zwecke. Mit der realen Welt digital vernetzt zu sein, von unterwegs zu Hause die Heizung anstellen zu können, im Homeoffice zu arbeiten oder Shopping ohne Ladenöffnungszeiten – wer will darauf heute noch verzichten?! Gewusst wie:
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